Hangzhou, Shanghai, Ost-Berlin: eine Biografie in drei Städten
Marijam Agischewa kam am 22. Dezember 1958 in Hangzhou zur Welt — bürgerlich heißt sie Melan Schwarz. Der Vorname ist chinesisch und bedeutet ungefähr «Welle der Pflaumenblüten». Ihr Vater Ernst Schwarz war kein Durchschnittsösterreicher: Als Jude und Sozialdemokrat hatte er Wien nach dem Anschluss 1938 fluchtartig verlassen und sich nach Shanghai durchgeschlagen. Dort heiratete er die Tatarin Amina Agischewa, deren Familienname später zum Künstlernamen der Tochter wurde.
Als Marijam etwa zwei Jahre alt war, zog die Familie erneut um. Ernst Schwarz nahm einen Lehrauftrag für Sinologie an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin an. Die Kindheit der späteren Schauspielerin spielte sich damit vollständig in der DDR ab — zwischen zwei Welten, zwei Sprachen, zwei Geschichten. Nur Familie und enge Freunde nennen sie noch Melan.
Von der DEFA zur Ernst-Busch-Schule: Karriere in der DDR
1975 wurde Marijam Agischewa mit 16 Jahren von DEFA-Regisseur Wolfgang Hübner entdeckt und für die Hauptrolle im Fernsehfilm «Geschwister» besetzt. Danach studierte sie an der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule in Ost-Berlin. Der Durchbruch kam mit der Hauptrolle in «Marta, Marta»: 1980 wählten die Leser des Jugendmagazins «Neues Leben» Agischewa zur beliebtesten Schauspielerin der DDR.
Es folgten Filmjahre im Dienst der DEFA. Doch irgendwann, so hat sie selbst erzählt, rückte das Kino immer weiter von der Wirklichkeit ab. Die Begeisterung ließ nach. 1989 nutzte sie eine genehmigte USA-Reise und kehrte nicht zurück — ein zweiter Neuanfang nach dem ersten, den ihr Vater ein halbes Jahrhundert früher erzwungen hatte.
Nach der Wende baute sie sich im Westen eine neue Karriere auf. Ab 1998 war sie in 68 Folgen der ARD-Serie «Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen» als Krankenschwester Katja Franke zu sehen. Seit Januar 2015 gehört Prof. Dr. Karin Patzelt zu ihrem Namen — die Chefärztin des Johannes-Thal-Klinikums in «In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte» (ARD/MDR). Über ein Jahrzehnt Seriengeschichte, von Anfang an dabei.
Berlin, Familie und ein zweites Berufsleben
Marijam Agischewa lebt in Berlin. Aus ihrer ersten Ehe mit dem Schauspieler Wolfgang Häntsch hat sie eine Tochter, Olivia, geboren 1987. Seit 1995 ist sie mit Georg Alexander verheiratet, der früher die Spielfilmabteilung des ZDF geleitet hat. Öffentliche Auftritte teilt das Paar nur selten.
Seit 2006 arbeitet Agischewa nebenberuflich als Heilpraktikerin für Psychotherapie — eine Verbindung, die auf den ersten Blick überrascht, aber zu einer Frau passt, die gelernt hat, Menschen in schwierigen Lebensphasen zu begleiten. Auf dem Bildschirm, in der Rolle der kühlen, präzisen Chefärztin Patzelt, sieht man von alledem wenig. Zwischen Hangzhou und Berlin liegen zwei Länderwechsel, drei Staatssysteme und eine der ungewöhnlichsten Schauspielerinnenbiografien im deutschen Fernsehen.

