Die kurze Antwort: Ja — die Assistenzarztzeit ist hart für eine Beziehung, aber sie übersteht sie, wenn gemeinsame Zeit bewusst geplant und der Dienstplan gemeinsam gelesen wird. Was fest im Kalender steht, überlebt einen 24-Stunden-Dienst häufiger als das, was spontan passieren soll. Entscheidend ist ein Partner, der den Ausnahmezustand als befristet akzeptiert, statt ihn als Dauerzustand hinzunehmen.
Du siehst deinen Partner öfter auf dem Bildschirm des Diensthandys als am Frühstückstisch. Der Dienstplan für den nächsten Monat kommt, und schon beim ersten Blick weißt du: Der gemeinsame Urlaub im Sommer wird eng, und das freie Wochenende, auf das du dich gefreut hast, ist plötzlich ein Bereitschaftsdienst. Wer mit einer Assistenzärztin oder einem Assistenzarzt zusammen ist, kennt dieses Gefühl gut.
Von allen Phasen einer Arztkarriere ist die Zeit als Assistenzarzt die härteste für eine Partnerschaft. Nicht, weil die Liebe schwächer wäre als anderswo, sondern weil in dieser Phase gleichzeitig Dienstplan, Bereitschaft, Rotation und die Prüfungen der Facharztweiterbildung auf die eine Ressource drücken, die jede Beziehung braucht: gemeinsame Zeit.
der Assistenzärztinnen und -ärzte können ihre Überstunden nicht einmal nachweisen — unsichtbare Zeit, die auch der Partnerschaft fehlt.
Quelle: Marburger Bund
Warum die Assistenzarztzeit die härteste Phase ist
Die Zahlen dahinter sind kein Gefühl, sondern belegt. Laut Marburger Bund überschreiten 60 Prozent der Klinikärzte regelmäßig die 48-Stunden-Woche. Das ist keine Ausnahme in stressigen Wochen, sondern für die Mehrheit der Normalfall. Dazu kommt der Bereitschaftsdienst: Er zählt arbeitsrechtlich als Arbeitszeit, und laut Arbeitszeitgesetz sowie praktischarzt.de summiert er sich in der Praxis oft auf 30 und mehr Arbeitsstunden am Stück. Ein Partner, der um 7 Uhr morgens verabschiedet wurde, sieht denselben Menschen manchmal erst am nächsten Nachmittag wieder - erschöpft, aber noch nicht wirklich zurück.
Verschärft wird das durch die Rotation. Wer sich zum Facharzt weiterbildet, wechselt planmäßig zwischen Abteilungen, teils zwischen Standorten. Kaum hat sich ein Alltag mit einem bestimmten Dienstrhythmus eingespielt, ändert sich die Station, das Team, die Schichtlage - und die Beziehung muss sich neu einstellen. Parallel läuft die Facharztprüfung mit, mit Lernzeit, die es neben Dienst und Bereitschaft eigentlich nicht gibt, aber trotzdem gefunden werden muss.
Am schwersten wiegt, dass ein großer Teil dieser Belastung nicht einmal sichtbar wird. Der Marburger Bund beziffert, dass 63 Prozent der Assistenzärztinnen und -ärzte ihre Überstunden nicht einmal nachweisen können. Diese Zeit taucht in keiner Abrechnung auf - aber sie fehlt genauso real im gemeinsamen Abend, im Wochenende, im Urlaub. Wenig überraschend zeigt sich das auch in der Zufriedenheit: 40 Prozent der Assistenzärzte und Ärzte im Praktikum sind laut Marburger Bund mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden. Eine Belastung, die schon am Arbeitsplatz zermürbt, kommt selten erholt zu Hause an.
Für Partnerinnen und Partner außerhalb der Klinik ist das oft schwer zu greifen. Der Job endet nicht mit dem offiziellen Dienstende, sondern zieht sich in Form von Erschöpfung, Lernstoff für die Facharztprüfung und Gedanken an Patienten bis in den Feierabend. Wer diesen Unterschied zwischen bezahlter Dienstzeit und tatsächlicher Belastung nicht kennt, unterschätzt leicht, wie wenig echte Kapazität am Ende des Tages noch übrig ist.
Gemeinsame Zeit planen wie einen Dienst
Wenn die knappe Ressource Zeit ist, hilft kein Wunsch nach mehr davon - sondern eine andere Art, mit dem Wenigen umzugehen, das da ist. Der wirksamste Ansatz vieler Arztpaare ist unspektakulär: gemeinsame Zeit wird genauso verbindlich verplant wie ein Dienst.
Sobald der Dienstplan feststeht, gehören freie Abende und die seltenen freien Wochenenden sofort in den gemeinsamen Kalender - nicht als vage Absicht, sondern als fester Termin mit Uhrzeit. Was dort steht, findet eher statt als alles, was auf "wenn mal wieder Luft ist" verschoben wird. Im Klinikalltag entsteht Zeit für die Beziehung fast nie von selbst. Sie muss aktiv reserviert werden, bevor der nächste Dienst, die nächste Fortbildung oder die nächste Vertretung sie beansprucht.
Genauso wichtig ist, kleine Fenster nicht zu unterschätzen. Ein gemeinsames Frühstück vor dem Dienst, ein kurzes Telefonat in der Mittagspause, ein bewusster Abend ohne Fachliteratur auf dem Tisch. Diese kurzen Momente ersetzen keinen freien Tag, aber sie halten die Verbindung über Wochen mit dichtem Dienstplan aufrecht, in denen ein ganzes freies Wochenende schlicht nicht drin ist. Manche Paare reservieren sich sogar feste Zeitfenster direkt nach Feierabend, in denen das Diensthandy bewusst im Nebenzimmer bleibt.
Wer detailliert wissen will, wie stark Schichtarbeit Partnerschaften wissenschaftlich belegt belastet und was dagegen hilft, findet die Datenlage in unserem Report Liebe im Schichtdienst - was die Statistik über Beziehungen sagt.







