Foto: © JCS / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)
Eine Ärztin, der die Nazis 1938 den Doktortitel raubten. Ein Mauerbau, der ein Krankenhaus und seine Mitarbeiter zerschnitt. Und eine Schauspielerin, die dieser Geschichte das nötige Gewicht gibt. Nina Kunzendorf verkörpert in Charité Staffel 3 eine Frau, deren Geschichte kaum zu glauben wäre — wäre sie nicht wahr.
Dr. Ingeborg Rapoport: Die Frau hinter der Rolle
Die dritte Staffel von Charité (ARD, 2021) spielt im Berlin des Jahres 1961 — kurz vor dem Mauerbau. Mittendrin: Dr. Ingeborg Rapoport, gespielt von Nina Kunzendorf. Das historische Vorbild ist so außergewöhnlich, dass es kaum eines dramaturgischen Eingriffs bedurfte.
Ingeborg Rapoport wurde 1912 geboren, studierte Medizin in Hamburg und verfasste eine Dissertation über Diphtherie bei Neugeborenen. 1938 sollte sie die mündliche Doktorprüfung ablegen — doch die Universitätsbehörden verweigerten ihr die Zulassung wegen ihrer jüdischen Herkunft. Sie emigrierte in die USA, wo sie tatsächlich promovierte und als Kinderärztin arbeitete. In den 1950er-Jahren kehrte sie — während des McCarthyismus aus den USA verwiesen — nach Ostberlin zurück. Ab 1958 leitete sie die Säuglings- und Frühgeborenenstation der Charité und baute dort schrittweise die erste spezialisierte Neonatologie-Abteilung Deutschlands auf. 1969 erhielt sie den ersten Lehrstuhl für Neonatologie in Deutschland. Ihr Team senkte die Kindersterblichkeit in der DDR messbar.
2015 — mit 102 Jahren — verteidigte Ingeborg Rapoport ihre ursprüngliche Hamburger Dissertation erfolgreich. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen: Eine der ältesten Promovendinnen der deutschen Geschichte bekam posthum, was ihr 77 Jahre zuvor verwehrt worden war. Sie starb 2017 im Alter von 104 Jahren. Die Charité Berlin erinnert heute mit dem Ingeborg-Rapoport-Fellowship an ihr Werk.
Nina Kunzendorf: Mehr als ein TV-Gesicht
Dass Nina Kunzendorf für diese Rolle gewählt wurde, überrascht niemanden, der ihre Arbeit kennt. Die Schauspielerin steht seit Jahrzehnten für Figuren, die mehr tragen, als sie zeigen — Frauen mit Haltung, mit Widersprüchen, mit Geschichte.
Einem breiten Fernsehpublikum wurde sie als Tatort-Kommissarin Conny Mey bekannt: Von 2011 bis 2013 ermittelte sie im Frankfurter Tatort des Hessischen Rundfunks an der Seite von Joachim Král als Frank Steier. Ihr Ausstand 2013 mit dem Fall „Wer das Schweigen bricht" hinterließ ein Ermittlerteam, das bis dahin für psychologische Tiefe bekannt war. Bereits 2006 hatte Kunzendorf den Grimme-Preis Gold für ihre Rolle in „Polizeiruf 110 — Der scharlachrote Engel" gewonnen; 2012 folgte ein weiterer Grimme-Preis für ihre Arbeit im Tatort Frankfurt.
Im Kino bewies sie ihre Qualitäten in Christian Petzolds Film Phönix (2014): Als Nina, eine Holocaust-Überlebende, die von ihrem Mann nicht mehr erkannt wird, lieferte Kunzendorf eine der zurückhaltendsam stärksten Leistungen des deutschen Kinos dieses Jahrzehnts. Für die Nebenrolle in diesem Film erhielt sie den Deutschen Filmpreis 2015. Ihre Theaterarbeit an Schaubühne, Deutschem Theater Berlin und Burgtheater Wien rundet ein Profil ab, das weit über das Fernsehen hinausgeht.
Charité Staffel 3 — Geschichte, die sitzt
Die dritte Charité-Staffel startete am 12. Januar 2021 im Ersten und wurde von 5,84 Millionen Zuschauern gesehen — der stärkste Auftakt seit Staffel 2. Für Zuschauer aus Medizin, Pflege und Rettungsdienst trägt diese Staffel eine besondere Bedeutung: Sie zeigt, unter welchen politischen und ideologischen Bedingungen Ärzte und Ärztinnen in der geteilten Stadt arbeiteten. Die Charité lag buchstäblich auf der Grenze — Personal, das in Westberlin wohnte und in Ostberlin arbeitete, stand plötzlich vor einer Mauer.
Nina Kunzendorf gibt Ingeborg Rapoport dabei keine heroische Überhöhung. Ihre Darstellung zeigt eine Ärztin, die in einem System arbeitet, das ihr misstraut — und die trotzdem kämpft: für ihre Patienten, für ihre Abteilung, für die Neonatologie als Fach. Eine Haltung, die in der Gegenwart nichts von ihrer Relevanz verloren hat.
Quellen: ARD Charité Pressemitteilung Staffel 3 (charite.de, 2021), Deutsches Ärzteblatt Nachruf Ingeborg Rapoport, Charité Universitätsmedizin Berlin (ingeborg-rapoport-fellowship.charite.de), Tagesspiegel Nachruf (2017), IMDb Nina Kunzendorf (nm0475365), Grimme-Preis Datenbank.

