Vom Theater zur Krimiserie — ein Weg über Umwege
Nina Kunzendorf wuchs in Lemgo in Nordrhein-Westfalen auf und entschied sich früh für die Bühne. Nach dem Abitur bewarb sie sich an der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, einer der renommiertesten Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum. Das Studium schloss sie 1997 ab — und damit begann eine Laufbahn, die Theater, Kino und Fernsehen gleichermaßen umfasst.
Ihre ersten großen Auftritte hatte sie am Deutschen Theater Berlin und später an der Schaubühne sowie am Burgtheater Wien. Die Theaterbühne blieb über Jahre ihr Hauptfeld, doch das Kino kam früh dazwischen: 2004 spielte sie in «Was nützt die Liebe in Gedanken» von Regisseur Achim von Borries — ein psychologisch dichtes Jugend-Kriminaldrama, das im Berlinale-Wettbewerb lief und damals für Furore sorgte. Dass ihr Gesicht ab diesem Zeitpunkt einem breiteren Publikum bekannt war, ließ den nächsten Schritt nur folgerichtig erscheinen.
Tatort Frankfurt und der Grimme-Preis
Der Tatort ist seit Jahrzehnten das meistgesehene Krimi-Format im deutschen Fernsehen — und nicht jedes Team hinterlässt bleibenden Eindruck. Das Frankfurter Duo schon. Seit 2014 ermittelt Nina Kunzendorf als Kriminalhauptkommissarin Anna Janneke an der Seite von Wolfram Koch (als Paul Brix). Die Chemie zwischen den beiden Figuren, ihre oft schweigsame Intensität und die sozialkritischen Drehbücher machten den HR-Tatort zu einem der diskutierten im ARD-Verbund.
Bereits 2011 hatte Kunzendorf eine der wichtigsten Auszeichnungen im deutschen Fernsehen erhalten: den Grimme-Preis Spezial, gemeinsam mit Regisseur Rainer Kaufmann und Kollegin Marie Bäumer. Der Preis würdigt Schauspieler, die das Medium Fernsehen in seiner Qualität und Glaubwürdigkeit voranbringen — kein schlechtes Urteil für eine Schauspielerin, die vom Theater kommt.
Charité Staffel 3: Dr. Ingeborg Rapoport und ein historisches Unrecht
Die ARD-Historieserie «Charité» hat mit ihrer dritten Staffel (2021) einen thematischen Sprung in die frühen 1960er-Jahre unternommen: Berliner Mauer, geteilte Stadt, der Alltag an der bekanntesten deutschen Universitätsklinik in einer Zeit des Umbruchs. Mittendrin: Dr. Ingeborg Rapoport, gespielt von Nina Kunzendorf.
Das historische Vorbild ist außergewöhnlich. Die echte Ingeborg Rapoport (1912–2017) war jüdisch-amerikanisch-deutscher Herkunft und gehört zu den Begründerinnen der modernen Neonatologie — der Medizin für Neugeborene. 1938 legte sie in Hamburg ihre Doktorarbeit über Diphterie vor. Die mündliche Prüfung wurde ihr aufgrund der Nürnberger Gesetze verweigert. Sie emigrierte, arbeitete in den USA und später in der DDR, wo sie die Neonatologie als Fachgebiet mitaufbaute. Und dann, im Jahr 2015, verteidigte Ingeborg Rapoport im Alter von 102 Jahren ihre Dissertation an der Universität Hamburg — offiziell, öffentlich, 77 Jahre nach dem erzwungenen Abbruch. Der Fall ging um die Welt.
Nina Kunzendorf trägt diese Geschichte in der Serie: eine Frau, die in einem durch Ideologie und Mauern gespaltenen System ihren Platz als Ärztin und Wissenschaftlerin behauptet. Die Rolle verbindet medizinische Pionierarbeit mit den Brüchen des 20. Jahrhunderts — und passt damit genau in das, was «Charité» staffelübergreifend zeigen will: wie Medizin und Politik einander durchdringen, und was das für die Menschen bedeutet, die heilen wollen.


